Umgang mit Heimkindern: Schäbiger geht es nicht

Stellt Euch vor, als Kind in einem staatlichen Heim untergebracht worden zu sein und neben nächtlichen Vergewaltigungen und der Ausbeutung als kostenlose Zwangsarbeiter wurdet Ihr dort außerdem auch noch Opfer von Medikamentenversuchen. Und nun stellt Euch bitte auch noch vor, dass das, was mit Euch gemacht wurde, Jahrzehnte später aufgedeckt wird. Als heute Erwachsene versteht Ihr deshalb erst heute, warum Euer Leben nicht in normalen Bahnen verlaufen konnte. Die gesundheitlichen Schädigungen der Medikamentenversuche und die anderen erlittenen Traumatisierungen haben verhindert, dass Ihr wie Eure in ihren Familien behütet aufgewachsenen Altersgenossen ins Leben starten konntet. Es war dieser Staat, der Euch nicht vor Vergewaltigern, Zwangsarbeit und der unfreiwilligen Rolle als „Versuchskaninchen der Pharmaindustrie“ geschützt hat! Gegen diesen Staat habt Ihr deswegen Rechtsansprüche. Dieser Staat ist Euch etwas schuldig! So weit, so klar?

Und nun geht Ihr bestimmt auch davon aus, dass dieser Staat seinen daraus entstandenen Pflichten gewissenhaft nachkommt, nicht wahr? Diese Bundesrepublik Deutschland ist ja auch ein Rechtsstaat mit hohen moralischen Ansprüchen, dessen Ethik maßgeblich geprägt ist durch den Artikel 1 seines Grundgesetzes, in dem die Unantastbarkeit der Menschenwürde zum Maß der Dinge erklärt wurde. Wie ich am vorigen Donnerstag, dem 2. Februar 2017, erfahren habe, ist das heutzutage jedoch mehr eine Frage der Kassenlage als eine des Anstandes. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass mir in meinen fast 60 Jahren als Bürger dieses Landes ein schäbigeres staatliches Handeln untergekommen ist als das, was dieser Staat als „Wiedergutmachung“ an dieser Stelle organisiert!

Hier zum besseren Verständnis ein Filmbeitrag des NDR aus dem Oktober 2016 zum Thema „Medikamentenversuche an Heimkindern“: Link

Warum der NDR in seinem Beitrag darauf verzichtet hat, unsere/meine viele Monate zuvor gestartete parlamentarische Initiative zu erwähnen, obwohl ihm diese bekannt war, dürft Ihr den Autor des Beitrages gerne fragen. Es war so: Im Frühjahr 2016 wendeten sich die Betroffenen und die im Beitrag genannte Sylvia Wagner an mich und baten um meine Unterstützung in der Sache. Wir trafen uns deshalb und sprachen mehrfach miteinander. Daraus resultierte dann dieser Antrag von uns/mir, der exakt die Wünsche der Betroffenen wiedergibt. Mehrfach auf die Tagesordnung der Plenardebatten gesetzt, landete dieser Antrag im September 2016 ohne parlamentarische Aussprache im Sozialausschuss. Auch hier wurde er mehrfach vertagt, bis er dann vergangene Woche doch noch behandelt wurde. Kurz vor der Sitzung des Sozialausschusses erreichte mich dann der Änderungsantrag der Regierungskoalition zu meinem Antrag. Weil seit meiner Antragsstellung tatsächlich einiges passiert ist und der Änderungsantrag den Sinn und Geist meines Antrages weitestgehend bedient hat, habe ich ihm zugestimmt. Das taten dann übrigens alle Fraktionen des Landtages in der Sitzung. Unabhängig von diesem „Antragsgeschehen“ hatte ich mit diesem Schreiben im November 2016 die Sozialministerin Alheit zur Berichterstattung im Sozialausschuss aufgefordert. Diesen Bericht gab die Sozialministerin dann auch ab und sorgte dann mit ihren Antworten auf meine Nachfragen fraktionsübergreifend für Entsetzen unter uns Sozialpolitikern. Mit meinen Fragen ergibt sich gleichzeitig für Euch das, was so widerwärtig an den vorgesehenen Regelungen für die duch Medikamentenversuche geschädigten Menschen ist:

  1. Warum sollen die Geschädigten nur einmalig 9.000 Euro aus dem im Dezember eingerichteten Fonds erhalten und wie wurde dieser Betrag berechnet?
  2. Warum müssen die so Geschädigten einen Verzicht auf Ansprüche aus anderen Fonds (sexueller Missbrauch und/oder Zwangsarbeit) erklären, auch wenn sie Leistungen aus diesem Fonds beanspruchen könnten?
  3. Warum müssen die Geschädigten mit Inanspruchnahme der Leistungen aus diesem Fonds einen Verzicht auf weitere Forderungen, selbst wenn gesundheitliche (weitere) Schädigungen erst noch auftreten, erklären?

Die Sozialministerin blieb eine schlüssige Antwort auf alle Fragen schuldig. Sie sagte uns aber, dass die Finanzminister des Bundes und der Länder letztlich über die Ausstattung und damit auch über die Handhabe des Fonds bestimmt hätten.

Wie geht es Euch jetzt nach dem Lesen dieses Beitrages? Ist das die Bundesrepublik Deutschland, die Ihr wollt? Was ist das für ein Land, das mit seinen schwächsten Menschen so umgeht?

 Mit besten Grüßen
Wolfgang Dudda
3 Kommentare

3 Kommentare

  • 1
    Stefan Eilts
    8. Februar 2017 um 09:50

    Da der Autor des NDR-Beitrages explizit angesprochen wird: Im von Ihnen verlinkten Onlinetext (zu dessen Autoren ich gehöre) ist der durch Wolfgang Dudda eingereichte Antrag explizit genannt.
    Stefan Eilts

  • 2
    Anonym aus Sicherheit
    8. Februar 2017 um 10:45

    Eine Riesenschweinerei jagt die nächste: Erst lässt der Staat Heimkinder missbrauchen, ausbeuten und zu Menschenversuchen zwingen, danach werden die Überlebenden mit Kleingeld abgespeist, und die verantwortlichen Konzerne weisen die Scfhuld von sich.
    Hier gälte es, ALLE Ansprüche geltend zu machen. Diese Verzichtserklärungen sind m. E. (juristischer Laie) sittenwidrig, und die selbstgerechten geldgierigen menschenverachtenden Pharma-Konzerne sollten zu Strafzahlungen in astronomischer Höhe vergattert werden.

  • 3
    Jürgen Rinne
    9. Februar 2017 um 00:46

    lassen sie uns doch Klage einreichen in den USA als Sammelklage, die meisten Pharma Konzerne haben doch mindestens eine Tochter dort.Da sollte doch etwas mehr bei rauskommen.
    auch ich war in einem Kinderheim von 1953-1958 was dort mit mir geschehen ist liegt hinter einer schwarzen Wand. Vielleicht soll ich es mal mit Hypnose versuchen das Traumata ans Licht zu holen.

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